Pressemitteilung
Inkontinenzversorgung in Deutschland:Versorgungslücken gefährden Millionen Betroffene
Bielefeld, 15.11.2025 – Zum Abschluss des vom 14. bis 15. November 2024 stattfindenden 36. Kongresses der Deutschen Kontinenz Gesellschaft e.V. warnte die Deutsche Kontinenz Gesellschaft vor einer Gefährdung der Inkontinenzversorgung in Deutschland und forderte die politisch Verantwortlichen auf, das Thema Inkontinenz auf die politische Agenda zu setzen. Auf dem Kontinenz Kongress kamen über 1000 Fachärzt:innen, Physiotherapeut:innen und Pflegefachpersonen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen, um interdisziplinär die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft zur Diagnose und Therapie von Inkontinenzerkrankungen und Erkrankungen des Beckenbodens zu diskutieren. In Deutschland sind 10 Millionen Menschen von Harn- und Stuhlinkontinenz betroffen.
Am letzten Tag des Kontinenz Kongresses, der vom 14.November bis 15. November in Bielefeld stattgefunden hat und bei dem über 1000 Fachärzt:innen, Physiotherpaeut:innen, Apotheker:innen und Pflegefachpersonen teilgenommen haben, warnte die Deutsche Kontinenz Gesellschaft e. V. eindrücklich vor einer zunehmend gefährdeten Versorgungssituation für Menschen mit Harn- und Stuhlinkontinenz. Gerechnet an der Gesamtbevölkerung ist jeder 9. in Deutschland von Inkontinenz betroffen. Eine Teilhabe am Leben ist praktisch nicht mehr möglich. Bei einer frühzeitigen Behandlung bestehen jedoch hohe Heilungs- und Besserungschancen. Bleibt die Behandlung aus, verschlechtert sich die Situation der Betroffenen kontinuierlich.
„Inkontinenz ist nicht nur ein individuelles Leid, sondern auch ein gesundheitsökonomisches Risiko, wenn wir es medizinisch unbehandelt lassen“, erklärte Prof. Dr. Andreas Wiedemann, 1. Vorsitzender der Deutschen Kontinenz Gesellschaft und Chefarzt der Urologischen Klinik am Evangelischen Krankenhaus Witten. „Die mangelnde Versorgung führt zu Pflegebedürftigkeit, sozialer Isolation und aufgrund von Folgeerkrankungen zu hohen Folgekosten für das Gesundheitssystem.“
Die gesamtwirtschaftliche Belastung durch unbehandelte Inkontinenz lag 2023 europaweit bei 69,1 Mrd. Euro. Ohne gesundheitspolitisches Eingreifen droht ein Anstieg auf 86,7 Mrd. Euro bis 2030.
Was die Versorgungsstruktur betrifft, zeigt sich nach Auskunft der Deutschen Kontinenz Gesellschaft verstärkt, dass sich immer mehr Ärzt:innen und Gesundheitseinrichtungen aus der Behandlung von Inkontinenzerkrankungen zurückziehen, da die Inkontinenzerkrankung in der Finanzierungsstruktur des Gesundheitswesens ungenügend abgebildet wird. Die Behandlung ist für die Gesundheitseinrichtung unwirtschaftlich. Als ein Beispiel führt die Deutsche Kontinenz Gesellschaft die Urodynamikuntersuchung an. Es handelt sich hier um eine komplexe, einstündige Untersuchung unter Einsatz eines Facharztes und einer Pflegekraft, die für die Beurteilung der Inkontinenzform notwendig und für die Therapiefestlegung zentral ist. Die in den Vergütungskatalogen festgelegte Vergütung deckt die entstehenden Kosten nicht.
Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft präsentierte im Rahmen des Kongresses auch ihr politisches Positionspapier „Inkontinenz behandeln. Leiden lindern. Gesundheitswesen entlasten“. In diesem Positionspapier wird die zunehmend gefährdete Versorgungssituation für Menschen mit Harn- und Stuhlinkontinenz ausführlich thematisiert. Damit richtet sich die Deutsche Kontinenz Gesellschaft erstmalig an die Politik und vertritt damit die Interessen von rund 10 Millionen Menschen, die an Inkontinenz leiden. Darunter etwa 5 Millionen mit Stuhlinkontinenz, einer oft tabuisierten und unterschätzten Erkrankung.
Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft forderte eine nationale Inkontinenzstrategie, die unter anderem Maßnahmen umfasst wie die Anpassung der Vergütungsstruktur für die Behandlung von Inkontinenz, die Stärkung der Versorgungsforschung und eine qualitätsgesicherte Hilfsmittelversorgung.
„Inkontinenz muss endlich auf die gesundheitspolitische Agenda. Die Nichtbehandlung ist keine Einsparung – sie führt zu höheren Kosten im Gesundheits- und Pflegesystem. Wir brauchen gezielte Maßnahmen, um die Versorgung zu verbessern und die Lebensqualität der Betroffenen zu sichern“, betont Prof. Dr. Andreas Wiedemann, Vorsitzender der Deutschen Kontinenz Gesellschaft e. V.
Pressekontakt der Deutschen Kontinenz Gesellschaft
Dr. Marion Friers
Telefon: 069 – 795 88 395
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E-Mail: presse@kontinenz-gesellschaft.de
Website: www.kontinenz-gesellschaft.de
Inkontinenz betrifft über zehn Millionen Menschen in Deutschland. Die 1987 gegründete Deutsche Kontinenz Gesellschaft e.V. ist die eine medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft, die sich auf Prävention, Diagnostik und Behandlung von Harn- und Stuhlinkontinenz sowie Beckenbodenstörungen spezialisiert hat. Mit 2500 Fachexpert:innen aus Urologie, Gynäkologie, Chirurgie, Neurologie, Pädiatrie, Pflege, Physiotherapie und Pharmazie fördert sie die Qualitätssicherung in der Behandlung und Beratung. Die Gesellschaft anerkennt bundesweit ärztliche Beratungsstellen und zertifiziert gemeinsam mit anderen medizinischen Fachgesellschaften die Kontinenz- und Beckenbodenzentren sowie Zentren für Interstitielle Zystitis (IC-Zentren). Aktuell gibt es über 1000 ärztliche Beratungsstellen,43 Kontinenz- und Beckenbodenzentren und 11 IC-Zentren. Regelmäßige Kongresse und Bildungsangebote unterstützen den Wissenstransfer in die Praxis.
Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft e.V. ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF).