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kontinenz aktuell - Ausgabe 02-2014

kontinenz aktuell Juli/20146 Einleitung Heutzutage wird von dem Diabe- tes mellitus Typ 1, der durch immu- nologische Mechanismen zu ei- nem absoluten Insulinmangel auf- grund einer Zerstörung des ß-Zell- Organs des Pankreas führt, der Typ-2-Diabetes abgegrenzt. Dieser ist pathophysiologisch durch die Kombination einer vorwiegenden Insulinresistenz mit relativem Insu- linmangel zu erklären und häufig im Rahmen des metabolischen Syndroms mit anderen Stoffwech- selproblemen assoziiert. Die Prä- valenz des manifesten Diabetes liegt bei den 60- bis 69-Jährigen bei rund 20 Prozent; hinzu kom- men weitere 25 Prozent Betroffene mit pathologischer Glukosetole- ranz (1). Der stärkste Zuwachs be- trifft die über 75-Jährigen (2). Da- mit darf das altersabhängige Phä- nomen „Diabetes mellitus Typ 2“ mit seinen Folgeerkrankungen als Herausforderung für eine Vielzahl von Fachdisziplinen betrachtet werden. Von einer überaktiven Blase oder dem overactive bladder syndrome (OAB) als einer Form der Harn- inkontinenz sind rund 15 Prozent der Erwachsenen betroffen (3). Sie ist besonders häufig mit neurolo- gischen Erkrankungen verknüpft. Dies gilt für den Hirninfarkt (4–8), die multiple Sklerose (9–11) und den M. Parkinson (12–14). Wenig ist allerdings über die Zusammen- hänge von Diabetes mellitus und Harninkontinenz bekannt, obwohl die pathophysiologische Kausal- kette über die autonome Polyneu- ropathie (15, 16) einen solchen Zusammenhang vermuten lassen könnte. Als weitere pathophysiolo- gische Mechanismen einer diabe- tischen Blasenfunktionsstörung kä- men eine toxisch-periphere Detru- sorschädigung oder eine zentrale Fehlsteuerung der Blase durch Dia- betes-abhängige Mechanismen im Rahmen der Mikro- oder Makro- angiopathie infrage. Tatsächlich liegen Daten vor, nach denen Harntraktbeschwerden bei Diabetes ein unterschätztes Pro- blem darstellen: Nach Sasaki ent- wickeln rund 45 Prozent aller Dia- betiker im Laufe ihrer Erkrankung Harntraktbeschwerden, ohne dass eine Bevorzugung eines Alters oder eines Geschlechtes vorliegt. Die Prävalenz beträgt in Abhän- gigkeit von der Diabetes-Dauer 25 Prozent bei zehnjährigem und 50 Prozent bei 45-jährigem Bestehen des Diabetes mellitus (17). Dabei dürfte die Dunkelziffer nicht unerheblich sein: Ueda konnte bei 53 ihm zugewiesenen vermeintlich asymptomatischen Patienten allein durch eine gezielte Anamnese bei 21 oder 40 Prozent Miktionsbe- schwerden erfragen (18). In der von Lifford vorgelegten „Nurses Health Study“ aus dem Jahre 2005 zeigte sich für ameri- kanische Krankenschwestern mit Diabetes mellitus Typ 2 ein mit 1,28 statistisch signifikant höheres relatives Risiko (RR), an einer Harninkontinenz zu erkranken. Mit zusätzlichen vaskulären Komplika- tionen fand sich das Risiko einer Harninkontinenz gegenüber einem Diabetes ohne vaskuläre Kompli- kationen sogar mehr als verdop- pelt (RR = 2,26) (19). In einer eigenen Untersuchung, der „Wittener Diabetes-Erhe- bung“, konnte unsere Arbeitsgrup- pe zeigen, dass bei 4.071 Typ- 2-Diabetikern auch in Deutschland eine hohe Prävalenz von Harn- traktbeschwerden vorliegt: 65,5 Prozent der männlichen und 70,4 Prozent der weiblichen Patienten gaben Harntraktbeschwerden an; noch häufiger waren „LUTS“ (Be- schwerden des unteren Harntrak- tes, lower urinary tract symptoms), wenn eine Diabetes-Komplikation eingetreten war. Männer mit Dia- betes und erektiler Dysfunktion (ED) wiesen sogar zu 77,4 Pro- zent Harntraktbeschwerden auf. Dass ein Viertel dieser Betroffenen regelmäßig Vorlagen verwendet, deutet auf ein hohes Maß an Un- terversorgung hin. Am häufigsten wurden die ge- nannten Symptome bei Männern einer überaktiven Blase zuge- ordnet (Männer: 53,3 %, Frauen 30,4 %), bei Frauen wurden die „lower urinary tract symptoms“ am häufigsten unter einer Mischinkon- tinenz aus Belastungsinkontinenz und Dranginkontinenz subsum- miert. Blasenentleerungsstörungen spielten mit 7,3 Prozent bei Män- nern und 3,6 Prozent bei Frauen eine untergeordnete Rolle (20, 21). Die Ergebnisse dieser Untersu- chung sollten mit dem identischen Erhebungsbogen in einer lokalen Erhebung überprüft und die Unter- schiede mit den örtlichen Beson- derheiten im Hinblick auf die be- fragte Gruppe der Typ-2-Diabeti- ker und die beiden behandelnden Ärzte (Diabetologe/Urologe) her- ausgearbeitet werden. Damit sollte der Frage nachgegangen werden, ob sich die verwendete Fragen- batterie wie in der bundeswei- ten „Wittener Diabetes-Erhebung“ auch hier reproduzieren lässt. Methodik Es wurden 118 konsekutive Patien- ten in einer urologischen und einer diabetologischen Praxis mit Diabe- tes mellitus Typ 2, die bisher nicht mit Miktionsbeschwerden vorstel- lig geworden waren, zu ihrem Miktionsverhalten, den Begleiter- krankungen und Diabeteskompli- kationen sowie zu Basisdaten des Diabetes mit dem Erhebungsbo- gen aus der bundesweiten Witte- ner Diabetes-Erhebung befragt. Daten der lokalen Erhebung wur- den denen der bundesweiten („Wittener Erhebung“) Untersu- chung gegenübergestellt. Die sta- tistische Analyse mit dem Ziel der Darstellung absoluter und relativer Häufigkeiten sowie statistischer Kenngrößen erfolgte durch die Fir- ma ACRO, Clinical research ser- vices GmbH in Wiesbaden. Die Deskription kategorialer Merkmale geschah durch Angabe absoluter und relativer Häufigkeiten. Metri- sche Merkmale wurden anhand von Mittelwert, Standardabwei- chung, Median sowie Minimum und Maximum beschrieben. Alle Merkmale wurden sowohl im Ge- Originalarbeit

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