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kontinenz aktuell - Ausgabe 02-2014

kontinenz aktuell Juli/2014 15 Übersichtsarbeit rumaktivität durch Umstellung oder Absetzen von Medikamenten. Bereits in den 1990er-Jahren wur- de in Untersuchungen gezeigt, dass urologische Anticholinergika kognitive Störungen hervorrufen können (Katz 1998, Velt 1998). Dies betrifft in erster Linie tertiäre Anticholinergika. Klinisch können unter den liquorgängigen tertiären Aminen delirante Zustände, Ver- gesslichkeit oder parkinsonartige Symptome auftreten. Das Risiko weiterer kognitiver Einschränkun- gen bis hin zur Verwirrtheit ist unter der Einnahme von Anticholinergika besonders bei Demenz ausgeprägt (Lit. bei Wiedemann 2008). So kann die gleichzeitige Gabe eines Anticholinergikums, besonders ei- nes tertiären Amins, bei gleichzei- tiger Cholinesterasehemmer-Gabe Therapie gegen die Therapie dar- stellen. Als Anticholinergikum in der Inkontinenztherapie erscheint bei dementen oder schon kognitiv gestörten Patienten die Gabe eines quartären Amins (Trospiumchlorid) besonders geeignet, das praktisch keine Liquorgängigkeit und damit negative kognitive Nebenwirkun- gen oder Interaktionen mit Choli- nesterasehemmern aufweist (Pet- zinger 2007). Möglichkeit der Einschätzung einer vorliegenden anticholinergen Belastung beim multimorbiden älteren Patienten Für die Ermittlung der anticholiner- gen Belastung älterer Patienten ste- hen im Wesentlichen sechs Metho- den zur Verfügung: 1. Der Essay zur Messung der anti- cholinergen Aktivität im Serum in Form von Atropin-Äquivalen- ten. Dieser Essay ist klinisch nicht allgemein verfügbar und bewertet lediglich die peripher existierende Belastung. Darüber hinaus ist die quantitative Bezie- hung zwischen anticholinerger Aktivität im Serum und dem Auf- treten anticholinerger Neben- wirkung bislang nicht geklärt (Gerretsen 2013). 2. Die Anticholinergic Risk Scale, bei der die anticholinergen Po- tenziale von Wirkstoffen anhand einer Drei-Punkte-Skala (von kein oder geringes Risiko bis hohes anticholinerges Potenzial) be- wertet und anschließend zu ei- ner auf den Patienten bezoge- nen Punktzahl summiert werden (Rudolph 2008). Diese Skala er- laubt eine Bewertung des Risikos anticholinerger Nebenwirkun- gen für den einzelnen individuel- len Patienten, die zu kognitiven Störungen und Delirium, aber auch peripheren Nebenwir- kungen führen können (Pasina 2013). 3. Die Anticholinergic Cognitive Burden Scale (Boustani 2008), als Werkzeug, um das Alters- ausmaß negativer Effekte auf die Kognition durch verordnete oder OTC-Produkte abzuschät- zen. Die Datenerhebung ist ein- fach, und ihr Schwerpunkt liegt im Bereich kognitiver Effekte. Das Problem dieser in erster Li- nie aus den USA stammenden Skalen ist, dass ihre Medika- mentenlisten nicht einfach auf die deutschen Verhältnisse zu übertragen sind. Dazu kommt, dass die anticholinerge Neben- wirkung durch Dosis, Galenik des jeweiligen Medikaments, Alter und Geschlecht des Pa- tienten sowie seinen Gesund- heitszustand beeinflusst wird, was sich in den Einschätzungs- skalen nicht widerspiegelt. 4. Verwendung von Medikamenten- listen, die für Ältere nicht geeig- net erscheinen (zum Beispiel Beers-Liste). Für Deutschland ist hier die Priscus-Liste im Ge- spräch. Um Risiken leichter er- kennen und vermeiden zu kön- nen, werden Listen mit potenziell unangemessenen Medikamenten für ältere Patienten auf der Basis von Expertenkonsens erarbeitet und häufig auch eingesetzt. Be- kannte Beispiele sind, beginnend mit der Beers-Liste (Beers 1997), McLeod 1997, Larosche 2007 und die STOPP- and START-Kri- terien (Gallagher 2008). Seit 2010 wird in Deutschland die PRISCUS-Liste (Holt 2010) propa- giert. Dabei existieren inhaltliche Unterschiede, teilweise fehlende Übertragbarkeit und Unterschie- de in der Expertenauswahl. Auch die PRISCUS-Liste wird kriti- siert (Heßdörfer 2012). 5. Eine neue Möglichkeit aus Deutschland stellt die VERICO- Arzneimittelanalyse dar. Bei die- ser Arzneimittelanalyse handelt es sich um eine Erfassung von Nebenwirkungen, die vom Symptom der kognitiven Störung zum Problem der Arzneimittel- nebenwirkung führt. „VERICO® - Riskscan Patient, eine evaluierte Software zur Früherkennung arz- neimittelassoziierter Kognitions- Tab. 2: Symptome des anticholinergen Syndroms Schweregrad Leicht Mittelgradig Schwer Sehr schwer Zentrale Wirkung Benommenheit, Schwäche Agitiertheit, Unruhe, Verwirrtheit, Gedächtnisstörung Halluzinationen, Ataxie, Hyperreflexie, Krampfanfall Koma, Schock Periphere Wirkung Mundtrockenheit Obstipation, Tachycardie, Mydriasis, Blasenentleerungsstörung Schluckstörung, Sprechstörung, Harnverhalten, Arrhythmie, Verlust der Akkomodation Paralytischer Ileus

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