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kontinenz aktuell - Ausgabe 02-2014

kontinenz aktuell Juli/201414 Übersichtsarbeit Standard der Arzneimittel-Therapie von Patienten mit überaktiver Blase sind anticholinerge Wirkstoffe. Da diese bei meist älteren Patienten oft- mals Begleiterkrankungen aufwei- sen, die medikamentös mit Wirk- stoffen behandelt werden, die ebenfalls anticholinerge Wirkun- gen besitzen, kann die anticholiner- ge Belastung in Summe eine Ver- stärkung unerwünschter Arzneimit- telwirkungen auslösen, die dann vom behandelnden Arzt allein dem von ihm eingesetzten Anticholiner- gikum zugeschrieben wird. Bisher liegen keine Daten zur Einschät- zung einer möglichen anticholiner- gen Grundbelastung von älteren Patienten mit überaktiver Blase aus dem niedergelassenen, aber auch stationären Bereich vor. Die anticholinerge Last Viele Medikamente haben das Po- tenzial, klinisch relevante anticholi- nerge Nebenwirkungen auszulö- sen. Man unterscheidet dabei peri- phere anticholinerge Nebenwir- kungen (wie Miktionsbeschwer- den, Mundtrockenheit, Mydriasis, Obstipation) von zentralen (wie Agitiertheit, Halluzination, Kogni- tionseinschränkungen, Schläfrig- keit, Schwindelgefühl, Verwirrung; Tab. 2). Dabei haben die zentra- len Wirkungen auf die Kognition für den älteren Patienten die grö- ßere Bedeutung, da sie seine Le- bensqualität erheblich einschrän- ken und oft Ursache für weitere Probleme (zum Beispiel Stürze, Pflegebedürftigkeit) sind. Anticholi- nerg wirksame Medikamente stel- len nicht unerwartet ein besonde- res Risiko für das Auftreten eines deliranten Syndroms beim Älteren dar. Die Menge an anticholiner- gen Substanzen, die insgesamt verordnet wurden, korreliert mit der Schwere des Krankheitsbildes (Cole 2004). Eine Übersicht über Wirkstoffe mit anticholinergen Effekten auf die Kognition liefert die sogenannte „anticholinergic cognitive burden scale“ (ACB scale) des Regenstrief Institutes (2013). Die Serumaktivität der anticholi- nergen Wirkung der einzelnen Medikamente addiert sich bei der Polymedikation im Alter. Je höher die anticholinerge Serumaktivität ist, desto größer ist das Risiko, ko- gnitive Einschränkungen zu haben (Mulsant 2003). Die anticholiner- ge Wirkung bestimmter Medika- mente (zum Beispiel Antiparkin- sonmittel mit anticholinerger Wir- kung) muss sogar für Krankheiten als Kontraindikation gesehen wer- den, die im Zusammenhang mit ei- nem zu geringen parasympathi- schen Tonus vorliegen (Verspoal 1991). Dazu sind ältere Patienten besonders empfänglich für anti- cholinerge Wirkungen bezie- hungsweise Nebenwirkungen, da es zu einem altersabhängigen Verlust an cholinergen Neuronen oder Rezeptoren im Gehirn kommt und sie eine reduzierte hepatische oder renale Clearence für Arznei- stoffe aufweisen (Stahl 2013). Be- sondere Bedeutung gewinnt die anticholinerge Nebenwirkung für viele Patienten, wenn sie an de- menziellen Syndromen leiden. Ei- ne Medikation mit Cholinesterase- hemmer wie Donazepil, Galanta- min und Rivastigmin hebt sich auf. Dazu kommt, dass die anticholi- nerge Nebenwirkung im Bereich der Kognition eine deutliche Ver- schlechterung der Demenzkrank- heit bedeutet. Das Auftreten von Kognitionsein- schränkungen unter der Therapie mit Anticholinergika ist patienten- individuell unterschiedlich. Es be- steht eine Abhängigkeit von der Anzahl gleichzeitig verabreichter Medikamente mit anticholinerger Wirkung beziehungsweise Neben- wirkung, der Dauer der Behand- lung und ihrer anticholinergen ko- gnitiven Last (Cai 2012). Im Hin- blick auf die anticholinerge kogni- tive Belastung gibt es selbst in ein- zelnen Indikationsgruppen erhebli- che Unterschiede (Wagg 2012). Anticholinerge Therapie der Dranginkontinenz Zu den risikobehafteten Substan- zen für den Problemkreis Neben- wirkung von Anticholinergika ge- hören nicht nur Antidepressiva, Antipsychotika, Antazida, Sedati- va und Kardiaka, sondern auch die für die Behandlung der überak- tiven Blase zugelassenen Anticho- linergika (Chew 2008). Letztere Substanzgruppe erscheint vor dem Hintergrund, dass die hyperaktive Blase als altersabhängige Erkran- kung besonders Hochbetagte und altersbedingte kognitive Einschrän- kungen betrifft (Welz-Barth 2001), die häufig schon einer Polyphar- makologie unterliegen, als beson- ders risikobehaftet. Die erhöhte anticholinerge Serumaktivität im Rahmen einer Polypharmakologie kann bereits für eine Blasenentlee- rungsstörung verantwortlich sein. Hier wäre die Gabe eines urologi- schen Anticholinergikums kontra- indiziert, sinnvoller ist hier eine Reduktion der anticholinergen Se- Tab. 1: Arzneistoffe mit anticholinerger Wirkung (nach Turnheim 1998, Burkhardt 2007, 2010, Thürmann 2009) • Analgetika • Parkinsonmedikation • Anticholinergika • Antieleptika • Antidepressiva • Antihistaminika • Benzodiazepine • Antiarrhythmika • Digitalisglykoside • Ca-Antagonisten • H2-Blocker • Betablocker • Kortikosteroide • Diuretika • Lithium • Antibiotika • Neuroleptika • Theophyllin

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