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kontinenz aktuell - Ausgabe 02-2014

kontinenz aktuell Juli/2014 11 Männer, die LUTS angaben, wur- den so als „BPH-Patienten mit irrita- tiver Symptomatik“ dargestellt – ei- ne Rubrik, die in der bundesweiten Erhebung so nicht vorkam. Ob- wohl die klassische Definition der überaktiven Blase eine „andere Pa- thophysiologie“ ausschließt (23), gibt es in der klinischen Routine Überschneidungen dieser Symp- tomkomplexe, deren semantische Einteilung zu den Begriffen „OAB“ oder „BPH mit irritativer Sympto- matik“ zusätzlich subjektiv gefärbt ist. Eine hohe Zahl von eingenomme- nen Medikamenten ist signifikant mit dem Auftreten von Harntraktbe- schwerden in der lokalen Befra- gung assoziiert; bei den dokumen- tierten Medikamenten zeigt sich im Gesamtkollektiv eine signifikante Abhängigkeit zwischen der Ein- nahme von Antidepressiva und Harntraktbeschwerden bei den un- tersuchten Diabetikern; bei den un- tersuchten Frauen zusätzlich zwi- schen der Einnahme von nichtste- roidalen Antirheumatika (NSAR) und dem Vorhandensein von LUTS. Dies erscheint vor dem pharmako- logischen Hintergrund folgerichtig und nachvollziehbar: Antidepressi- va als inhomogene Gruppe greifen in adrenerge, cholinerge und sero- toninerge Regelkreise ein, die auch an der nervalen Steuerung von Harnblase, Sphinkterapparat und Beckenboden beteiligt sind. Die Zusammenhänge sind be- kannt; besonders anticholinerg wirkende trizyklische Antidepressi- va älteren Typs gelten als risikobe- haftet (24, 25). Bezüglich der Pros- taglandinsynthesehemmer legen zumindest tierexperimentelle Be- funde eine Beteiligung von Prosta- glandinen bei der Signaltransmissi- on des Detrusors nahe (26–28). Besonders an der Entstehung einer überaktiven Blase scheinen Prosta- glandine beteiligt zu sein: Ihre Konzentration im Urin Betroffener ist höher als die von Patienten oh- ne OAB (29). Offenbar ist die Ein- nahme von Substanzen beider Prä- parateklassen häufiger mit Harn- traktbeschwerden assoziiert. Die- ser Umstand sollte bei der Medika- mentenanamnese eines Patienten mit Harntraktbeschwerden Berück- sichtigung finden, beziehungswei- se vor unkritischer Verordnung sol- cher Präparate sollten gerade Dia- betiker nach dem Vorhandensein von Harntraktbeschwerden befragt werden. Eine hohe Zahl eingenommener Medikamente und eine Vielzahl von Begleiterkrankungen sind ebenfalls überzufällig häufig mit Harntraktbeschwerden auch im vorliegenden Diabetikerkollektiv assoziiert. Dieser Befund als Aus- druck der Multimorbidität wurde auch für andere Patientengruppen gefunden (30). Offenbar liegt auch hier ein komplexes Gesche- hen vor: Multimorbidität bedingt Polypharmazie mit einem höheren Risiko der Auslösung oder Ver- schlimmerung von LUTS vor dem Hintergrund, dass eine Vielzahl von Begleiterkrankungen unabhän- gig von der untersuchten Größe „Diabetes“ den Harntrakt betreffen können. Dies ist direkt (Beispiel Hirninfarkt mit zentral enthemmter Blase) oder indirekt (Herzinsuffi- zienz mit Diuretika-Therapie und Polyurie) vorstellbar. Schlussfolgerung Der für die bundesweite Erhebung entwickelte Fragebogen hat auch in der lokalen Untersuchung in Castrop-Rauxel seine Tauglichkeit bei der Erfassung eines gänzlich unterschiedlichen Patientenguts be- wiesen. Auch in der lokalen Erhe- bung konnten die Forderungen der bundesweiten „Wittener Befra- gung“, die Frage nach Harntrakt- beschwerden in die Empfehlungen der geriatrischen und internisti- schen Leitlinie „Diabetes“ (31) auf- zunehmen, bestätigt werden. Über die bundesweite Erhebung hinaus wurden in der lokalen Erhebung weiterführende Aspekte bei Typ- 2-Diabetikern mit LUTS gefunden: Sie wiesen ein höheres Alter auf, es lagen mehr Begleiterkrankun- gen und Diabeteskomplikationen vor. Sie nahmen häufiger Antide- pressiva und NSAR ein. Damit konnte die Problematik „Harntrakt- beschwerden bei Typ-2-Diabeti- kern“ weiter spezifiziert und die Forderung der bundesweiten Erhe- bung, LUTS in das regelmäßige As- sessment bei Diabetikern zum Bei- spiel in Disease-Management-Pro- grammen aufzunehmen, untermau- ert und erweitert werden. Interessenkonflikt: Der korrespondierende Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt be- steht. Korrespondenzanschrift: Priv.-Doz. Dr. Andreas Wiedemann Urologische Abteilung Evangelisches Krankenhaus im Diakoniewerk Ruhr gGmbH Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Witten Pferdebachstraße 27–43 58455 Witten E-Mail: awiedemann@diakonie-ruhr.de Originalarbeit

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