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kontinenz aktuell - Ausgabe 01-2014

kontinenz aktuell März/2014 13 tielle Zystitis angeführt, die sich in ihrer Symptomatik mit der über- aktiven Blase überlappen kann. Bleibt die Erkrankung aber uner- kannt und unzureichend behan- delt, droht den Betroffenen ein jahrelanges Martyrium und die Entfernung der Harnblase (21). Derzeitige spezifische Therapien können ein Fortschreiten der Er- krankung verhindern und Sympto- me lindern. Diese Therapien ent- sprechen aber nicht den therapeu- tischen Maßnahmen der überakti- ven Blase. Trias: Chronische Obstipa- tion, Stuhlinkontinenz und überaktive Blase Bei allen drei Krankheitsbildern überaktive Blase, chronische Obs- tipation und Stuhlinkontinenz han- delt es sich um ein signifikantes und im Alter eindeutig zunehmen- des klinisches Problem, das aber nicht Teil eines physiologischen Al- terungsprozesses ist. Auf die enge Verbindung der chronischen Obsti- pation zur überaktiven Blase und zur Stuhlinkontinenz weisen eine Reihe von Untersuchungen in den vergangenen Jahren hin (4, 6, 18, 30). Nach neueren Untersuchun- gen ist die überaktive Blase im Zu- sammenhang mit der chronischen Obstipation beziehungsweise der Stuhlinkontinenz das führende Symptom (7). Inwieweit die chroni- sche Obstipation/Stuhlinkontinenz oder die überaktive Blase als ers- tes Symptom dieser Trias zu wer- ten ist, wird in den vorliegenden Untersuchungen nicht deutlich. Zu vermuten ist, dass die chronische Obstipation/Stuhlinkontinenz häu- fig der Ausgangspunkt für die überaktive Blase ist. Dies gilt so- wohl für Kinder als auch für Er- wachsene. Die chronische Obsti- pation scheint aber nicht nur Aus- löser einer hyperaktiven Blase, sondern auch Wegbereiter für ei- ne Belastungsinkontinenz bei Frau- en zu sein. Der häufige Zusam- menhang mit einem Deszensus, ei- nem Vaginalprolaps beziehungs- weise dem Zustand nach einer Epi- siotomie deuten ebenfalls in diese Richtung. Häufig wird für die Trias „chroni- sche Obstipation, Stuhlinkontinenz und überaktive Blase“ als Ursache der gemeinsame embryologische Ursprung für Blase und Rektum ver- mutet (19). Beide erhalten ihre Nervenversorgung über den Nn. pelvici aus S2–S4, zudem wer- den ihre quergestreiften Schließ- muskelanteile durch denselben Nerven, den N. pudendus, ver- sorgt. Zahlreiche Literaturhinweise sowie die Erfahrung in der tägli- chen Praxis lassen annehmen, dass bei offensichtlicher Dysfunkti- on einem der beiden Organsyste- me auch eine mitunter klinisch (noch) nicht auffällige Funktionsstö- rung im anderen besteht und dass aufgrund der anatomischen Nach- barschaft Funktionsstörungen in ei- nem der beiden Organsysteme zu Störungen der Funktion des ande- ren führen. Aber auch Krankheits- bilder, die sowohl die Kontinenz- funktion der Blase wie des Anorek- tums betreffen, können zur Trias führen. Aus der Geriatrie seien hier die Demenz oder der cerebra- le Insult genannt. Besondere Be- deutung dürfte hier auch die häu- fig bei Älteren bestehende Polyme- dikation im Rahmen einer Multi- morbidität haben. Problematik der Polymedikation So nehmen 55 Prozent der über 85-Jährigen mehr als vier Medika- mente ein (9). Doch bereits bei der Einnahme von vier Medika- menten liegt die Zahl der tatsächli- chen Interaktionen bei 30 Pro- zent, bei der Einnahme von sechs Medikamenten bei 70 Prozent (8). Bei der Durchsicht der Medi- kation von 127 Heimbewohnern wurden unter Zugrundelegung der sogenannten Beers-Kriterien (11) fast 800 arzneimittelbezogene Probleme gesichtet (13) – als Kon- sequenz dieser iatrogenen Schä- digung fielen 83 Krankenhausta- ge, 17 Rettungsdiensttransporte und 2 200 zusätzliche Pflegestun- den an. Bei der Behandlung einer überakti- ven Blase sollte Berücksichtigung finden, dass eine Fülle von Medi- kamenten mit Indikationen fern des Harntraktes Einfluss auf die Konti- nenzlage mit einer Reduktion der Detrusorkontraktilität (zum Bei- spiel NSAR, Morphine), einer Re- laxation des Beckenbodens (zum Beispiel Benzodiazepine) oder ei- ner Stimulation des Detrusors (zum Beispiel Gaba-Analoga) nehmen. Auch verstärken gerade Schleifen- Diuretika durch so ausgelöste pas- sagere Polyurie die ohnehin beste- hende Symptomatik einer OAB. Hingegen kann die Verordnung ei- ner Substanz mit antimuskariner- ger Wirkung eine Obstipation und über die genannten Mechanismen eine OAB fördern. Hier sind neben den Morphinen besonders Psychopharmaka aus der Reihe der trizyklischen Antidepressiva oder der Neuroleptika zu nennen. Problematisch ist an dieser Stelle die Summation anticholinerger Einflüsse im Sinne einer „anticholi- nergen Last“. So wissen wir heute, dass rund ein Drittel von Alten- heimbewohnern zwei, fünf Prozent sogar fünf anticholinerg wirkende Substanzen einnehmen (2). Dazu gehören nicht nur die klassischen Anticholinergika oder Psychophar- maka wie Antidepressiva mit be- kannter anticholinerger Begleitwir- kung, sondern auch primär unver- dächtige Substanzen wie Cimethi- din, Theophyllin, Furosemid oder Prednisolon, die im Radio-Ligan- den-Assay in der Lage sind, mus- karinerge zerebrale Rezeptoren zu besetzen und – ausgedrückt in Atropin-Äquivalenten – teilweise so stark anticholinerg wie Atropin sind (5, 15, 26). In der Summation kann dann eine regelrechte „anti- cholinerge Intoxikation“ ablaufen, die zu Nebenwirkungen des zen- tralen Nervensystems, Obstipation und Blasenentleerungsstörungen führen kann. Übersichtsarbeit

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