Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

kontinenz aktuell - Ausgabe 01-2014

kontinenz aktuell März/201412 Übersichtsarbeit Definition und Ätiologie Die überaktive Blase ist durch Symptome charakterisiert. Aber nur ein Teil der Patienten mit dieser Symptomatik – vielleicht die Hälfte – hat tatsächlich ein urodynami- sches Korrelat im Sinne einer De- trusorhyperaktivität. Umgekehrt hat nur etwa die Hälfte der Patien- ten, bei denen in der Urodynamik eine Detrusorhyperaktivität nach- gewiesen wird, Symptome im Sin- ne einer überaktiven Blase. Der Schwerpunkt des Begriffes „über- aktive Blase“ liegt also eindeutig bei den Symptomen. Dabei sind die Symptome nicht für eine be- stimmte Erkrankung typisch. Es handelt sich bei der überaktiven Blase um eine Gruppe von Symp- tomen, die einzeln auch zusam- men durch unterschiedliche Patho- physiologien verursacht sein kön- nen. Die überaktive Blase ist dem- nach weder ein Syndrom noch ein klinisch einheitliches Krankheits- bild. Besonders problematisch sind Überschneidungen zwischen der Symptomatik einer subvesikalen Obstruktion etwa bei Prostataver- größerung und einer überaktiven Blase. Beide Entitäten können ähn- liche Symptome hervorrufen, sie werden durch die Definitionen der Fachgesellschaften aber künstlich zu streng voneinander getrennten Krankheitsbildern erhoben. So wird bei der OAB-Definition der ICS „eine andere Ätiologie“ als Ausschlusskriterium genannt (1); die Leitlinie der Deutschen Gesell- schaft für Urologie enthält die Fest- stellung, dass das Benigne Prosta- tasyndrom über Harntraktbe- schwerden definiert wird, wie sie auch bei der OAB vorkommen. In dieser Leitlinie wird auch darauf hingewiesen, dass eine „BPH“ (be- nigne Prostatahyperplasie), eine „BPE“ (Benign Prostate Enlarge- ment) oder „BPO“ (Benign Prostate Obstruction“ oder andere „lokale Pathologien“) die Diagnose einer OAB ausschließen (http://www. awmf.org/uploads/tx_szleitlinien /043–034l). Die klinische Praxis lehrt jedoch, dass entgegen den strengen Ausschlussdefinitionen Überlappungen der Symptomatik sehr wohl möglich sind. So enthält das weltweit am weitesten verbrei- tete Assessment-Tool zur Erfassung BPH-bedingter Beschwerden, der „Internationale Prostata Sympto- menscore IPSS“ Fragen zu impera- tivem Harndrang („Wie oft hatten Sie Schwierigkeiten, den Urin zu- rückzuhalten“) und ist auch bei Frauen anwendbar (16). Er er- laubt keine sichere Diskriminie- rung von Patienten mit urodyna- misch gesicherter Detrusorüberak- tivität (25), sodass das individuelle Anamnesegespräch unter Erfas- sung der im Folgenden genannten Aspekte von entscheidender Be- deutung ist. Eine Vielzahl von Faktoren kann für eine überaktive Blase verant- wortlich sein. Die überaktive Blase kann neurogene Ursachen haben: Neben einer erhöhten affarenten Aktivität kann eine verminderte in- hibitorische Kontrolle oder auch ei- ne erhöhte Sensitivität gegenüber efferenten Impulsen vorliegen. Au- ßerdem kann die überaktive Blase auf myogene und schließlich auch auf Ursachen beruhen, die als „ia- trogene“ (zum Beispiel Operati- onsfolgen, Medikamente) bezeich- net werden können (Tab. 2). So war beispielsweise die Einnahme von Antihypertonika aus der Grup- pe der Alphablocker mit einem vierfach höheren Inkontinenzrisiko verbunden (22). Die Kombination mehrerer Faktoren ist möglich und nicht bei jeden Patienten gelingt es, eine Ursache herauszuarbei- ten. Zahlreiche neue Erkenntnisse, insbesondere über die zentrale Steuer- und/über Blasenfunktion der Speicher- und der Miktions- funktion der Blase, lassen das Bild der Harninkontinenz beim älteren Patienten als wesentlich komplexer erscheinen als noch vor Jahren ge- dacht. So wird das Kontinenzver- mögen im Alter ganz wesentlich durch die veränderte neurogene Steuerung, zentrale Gefäßumbau- vorgänge sowie durch nachlassen- de Kompensationsmechanismen zusätzlich beeinflusst (12, 14). Diagnose und Therapie Diagnose und Therapie bei Älteren orientieren sich an der Leitlinie „Inkontinenz“ der Deut- schen Gesellschaft für Geriatrie (http://www.awmf.org/uploads/ tx_szleitlinien/084–001_S2_Harnin kontinenz_09–2009_09–2014.pdf). Ein großes Problem ist, dass sich nur etwa 15 Prozent der Betroffe- nen in ärztliche Behandlung bege- ben (23). Problematik der Diagnostik Die Definition „überaktive Blase“ wurde bewusst von der ICS als Symptomkomplex definiert, damit der Arzt in der Praxis bei der Diagnose möglichst nicht mehr auf urodynamische Messergebnisse zurückgreifen muss, letztlich also zur Vereinfachung der Diagnostik und Therapie. Diese Vereinfa- chung kann aber auch zu inadä- quaten Maßnahmen und Nach- teilen für den Patienten führen (28). Beispiel sei hier die intersti- Tab. 2: Ätiologien der überaktiven Blase neurogene Ursachen • erhöhte affarente Aktivität • verminderte inhibitorische Kontrolle (ZNS, Ganglien) • erhöhte Sensitivität gegenüber efferenter Aktivität myogene Ursachen „iatrogene“ Schädigung (Multimedikation)

Seitenübersicht