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kontinenz aktuell - Ausgabe 01-2014

kontinenz aktuell März/2014 11 stehender Symptomenkomplex aus Harndrang mit oder ohne Harnver- lust, meistens verbunden mit erhöh- ter Miktionsfrequenz (Pollakisurie) und Nykturie verstanden, ohne dass dieses Beschwerdebild durch Stoffwechselstörungen oder lokale pathologische Veränderungen er- klärt werden kann. Die Bezeich- nung und die genannte Definition wurde von der International Conti- nence Society (ICS) 2002 ge- prägt. Die Symptome der überakti- ven Blase lassen sich im Allgemei- nen nicht objektiv bewerten. Bei der Miktionshäufigkeit wird die Grenze zwischen normal und pa- thologisch zuweilen bei acht Mik- tionen pro Tag gezogen, die Be- deutung einer solchen Grenze hängt jedoch stark von individuel- len Faktoren (zum Beispiel Trink- menge, Gewohnheit) ab. Auch der Harndrang lässt sich nicht ob- jektiv messen. Es kommt also nicht nur auf die vorhandene Sympto- matik, sondern entscheidend auch auf die Bewertung durch den ein- zelnen Patienten an. Volkskrankheit In Deutschland haben nach dem Ergebnis einer Befragung 6,6 Mil- lionen Menschen eine überaktive Blase (20). Mit zunehmendem Al- ter steigt die Inzidenz der überakti- ven Blase. Die Prävalenz beträgt etwa fünf Prozent bei den 40-Jähri- gen und 35 Prozent bei den 75-Jährigen. Bei einer Befragung von 2 000 über 65-jährigen Be- wohnern von Wien gaben 55 Pro- zent der Frauen und 50 Prozent der Männer Symptome einer über- aktiven Blase an (29). Drei Viertel der Patienten sind älter als 55 Jah- re. Insgesamt leiden die Frauen häufiger unter einer überaktiven Blase als Männer; etwa ein Viertel aller Frauen ist im Laufe ihres Le- bens davon betroffen. Verglichen mit der Häufigkeit anderer Erkran- kungen (Asthma bronchiale vier bis fünf Prozent, COPD vier bis fünf Prozent, Diabetes mellitus vier bis zehn Prozent, Arterielle Hyper- tonie zehn bis 25 Prozent) kann bei der überaktiven Blase durch- aus von einer Volkskrankheit ge- sprochen werden (24). Eindeutig ist, dass der Symptomenkomplex „überaktive Blase“ eine Einschrän- kung der Lebensqualität bedeutet. Bezüglich Definition, Diagnostik und Therapie beim alten Patienten bleiben aber eine Reihe von Fra- gen offen. Verlust an Lebensqualität Die überaktive Blase führt über die eigentliche Symptomatik hinaus durch Verunsicherung sowie durch Einschränkung der Mobilität und Sozialkontakte letztlich zur sozia- len Isolation. Die betroffenen Pa- tienten sind auf die schnelle Er- reichbarkeit einer Toilette fixiert. Die ständige Beschäftigung mit dieser Problematik führt bei jünge- ren Patienten zur Leistungsabnah- me, zum Rückgang des Interesses am Beruf und nicht selten zur Früh- berentung. Patienten mit überaktiver Blase schätzen ihre Lebensqualität zum Teil schlechter ein als Patienten mit anderen chronischen Erkrankun- gen wie Bluthochdruck oder Dia- betes. Die überaktive Blase ist auch unter diesem Aspekt ein ernsthaftes Krankheitsbild, das an- gemessen diagnostiziert und be- handelt werden muss (17). Die Be- einträchtigung der Lebensqualität von Patienten mit überaktiver Blase hat neben beruflichen auch sexuel- le, psychische, körperliche und ge- sellschaftliche Aspekte. Gerade bei älteren Patienten ist die Gefährdung durch die Folgen des Krankheitsbildes ein wesentli- cher Aspekt desselben. Der Harn- drang des alten Menschen führt meist in direkter Folge zur Inkonti- nenz. Diese gehört zu den geriatri- schen „I‘s“ (Tab. 1), den großen Themen und Problemen, die den Umgang mit alten Menschen und ihre Betreuung und Pflege prägen (10). Alle diese „I‘s“ – und das ist das eigentlich Charakteristische im Alter – stehen untereinander in en- ger Verbindung, denn der alte Mensch, der dement ist, ist meis- tens auch mit einer überaktiven Blase behaftet, der immobil ist, kommt nicht mehr schnell genug zur Toilette, und der nachts häufi- ger aufstehen muss (Nykturie), hat ein hohes Sturzrisiko. Intellektuel- ler Abbau, Depressionen, Suizida- lität, Stürze und Knochenbrüche, Hautprobleme, Harnwegsinfekte und Urosepsis können Folgen der überaktiven Blase sein. So konnten Rosso und Mitarbeiter nachwei- sen, dass ein Anfall von mehr als einem geriatrischen Syndrom aus depressiver Symptomatik, Schläf- rigkeit, Sturzneigung, Seh- oder Hörstörungen, Osteoporose, Poly- pharmazie, Schlafstörungen und Harninkontinenz mit einem statis- tisch signifikant größeren Risiko ei- ner Einschränkung der Aktivitäten des täglichen Lebens einhergeht (27). Der erhöhte Pflegeaufwand kann Krankenhaus- und Heimein- weisungen auslösen. J. Brown (3) hat mit ihrem Resümee die Proble- matik der Patienten auf den Punkt gebracht: „Die überaktive Blase bringt dich nicht um – aber sie nimmt dir das Leben.“ Tab. 1: Die geriatrischen I‘s“ Intellektueller Abbau Immobilität Instabilität Inkontinenz Iatrogene Probleme Übersichtsarbeit

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