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kontinenz aktuell - Ausgabe 03-2013

kontinenz aktuell November/201316 Übersichtsarbeit insbesondere an einer Blasenin- kontinenz bei starker Gebärmutter- senkung und einem abgeschwäch- ten Muskeltonus des Beckenbo- dens. Eine Beckenbodenplastik hatte nicht den gewünschten Er- folg gebracht. Besonders litt die Patientin darunter, dass es ihr nicht mehr möglich war, sich nachmit- tags mit ihren Freundinnen im Ca- fé zu treffen. Entsprechend glück- lich war sie deshalb, als sie nach nur einer osteopathischen Behand- lung ihrer Blasensenkung und der Verwachsungen im Blasenhals für zwei bis drei Stunden kontinent war. Selbst husten und lachen kön- ne sie wieder, ohne dass Urin abgehe, berichtete die Patientin freudestrahlend beim nächsten Ter- min. Das reichte ihr, um sich wie- der im geliebten Café mit ihren Freundinnen zu treffen. Etwa alle drei Monate kommt sie seitdem zur Behandlung. Dieser auch von mir so nicht erwartete Erfolg hält seit gut drei Jahren an. Die Blaseninkontinenz ist multikau- sal, und nicht alle Fälle von Bla- seninkontinenz bessern sich in so spektakulärer Weise, wie in dem beschriebenen Beispiel. Aus mei- ner Sicht ist insbesondere bei leichteren Fällen von Blaseninkon- tinenz der Versuch einer osteopa- thischen Behandlung immer loh- nend. In meiner Praxis konnte ich bei mehr als der Hälfte der Fälle eine deutliche Besserung der Symptome feststellen. Das prämenstruelle Syndrom (PMS) ist mit einer Prävalenz von 20 bis 32 Prozent häufig. Sechs bis acht Prozent der prämenopau- salen Frauen haben sogar starke Beschwerden (12). Eine 26-jährige Patientin musste regelmäßig drei bis vier Tage vor ihrer Menstruation krankgeschrie- ben werden, weil sie bettlägerig war und hochdosiert nichtsteroida- le Antiphlogistika (NSAR) einneh- men musste. Sie hatte die häufige Kombination aus PMS und Dys- mennorhoe. Sie hatte eine Retrofle- xio uteri und litt auch unter häufi- gen Lumbalgien. Letzteres war auch der Grund, weswegen sie mich als Osteopathen konsultierte. Die Patientin war überglücklich, dass nicht nur ihre Dysmenorrhoe verschwand, sondern sich kurze Zeit später auch ihr schon länger bestehender Kinderwunsch erfüll- te. In meiner Praxis liegt die Heilungs- rate für die PMS bei Jugendlichen bei 80 Prozent (11). Zwei neuere Studien von 2006 und 2011 zur osteopathischen Be- handlung von PMS zeigen gute Ef- fekte. In beiden Studien wurde aber aufgrund der geringen Teil- nehmerzahl (N = 10) eine statisti- sche Signifikanz nicht erreicht (13). Anatomische und physiologische Grundlagen der Osteopathie Wie kann es zu solchen Erfolgen kommen? Was steckt hinter den Behandlungen? Wie ist die Theo- rie? Wichtig ist in der Osteopathie das Wissen um anatomische und phy- siologische Zusammenhänge. Eine Medizinstudentin, die mich im Rahmen ihrer Famulatur in meiner Praxis einige Tage beobachtet hat- te, formulierte dies so: „Osteo- pathie ist Anatomie live!“ Im Becken besteht ein dynami- sches Zusammenspiel von Blase, Uterus, Ovar und Rektum. Je nach Füllungszustand benötigen diese Organe unterschiedlich Platz und müssen deshalb alle sehr elas- tisch, gegenseitig nachgebend aufgehängt sein. Diese Aufhän- gung und die wechselnde Füllung der klappenlosen Venen um die Organe garantieren ein ungehin- dertes Miteinander. Aufgrund von Operationen, Ge- burten oder Alterungsvorgängen kann dieses dynamisch balancier- te Zusammenspiel der Organe ge- stört werden. Durch die im kleinen Becken herrschenden hohen Druckwerte ist diese Region noch zusätzlich störanfällig. Hinzu kommt die Besonderheit, dass Rek- tum, Vagina und Urethra keine ei- genständige Form haben, sondern diese erst durch ihre Aufhängungs- strukturen erhalten. Gelingt es, mit einer osteopathi- schen Behandlung Einfluss auf den venösen Rückstrom in die Vena ca- va inferior und auf Adhäsionen und die Elastizität des Halteappa- rates zu nehmen, wird sich auch die Funktion der Organe im klei- nen Becken bessern. Eine große Hilfe zum Verständnis der anatomischen Zusammenhän- ge im kleinen Becken und im Be- ckenboden bietet die dynamische Anatomie, wie sie durch die Inte- graltheorie von Prof. Dr. Klaus Goeschen gelehrt wird (14, 15). Hier wird zum Beispiel deutlich, dass nicht so sehr ein Sphinkter urethrae wichtig für die Blasenkon- tinenz ist, sondern mehr das elasti- sche Zusammenspiel der verschie- denen Anteile des Muskulus leva- tor ani. Erst durch die genauen anatomischen Darstellungen, nach experimentellen Untersuchungen am Beckenboden, wird deutlich, welch überragende Bedeutung die freie Verschiebbarkeit der einzel- nen Bestandteile des Beckenbo- dens gegeneinander hat. Diese lässt sich auch insbesondere durch osteopathische Techniken gut be- einflussen. Bei starken Vernarbun- gen sind hier sicherlich Grenzen geboten. So kann eine bessere Balance zwi- schen Spannung und Entspannung am Beckenboden erreicht werden und bringt, unterstützt durch geziel- te Beckenbodengymnastik, oft eine dauerhafte Verbesserung der Elasti- zität der Aufhängung und damit der Funktion der Beckenorgane. Die Faszienforschung der ver- gangenen Jahre, unter anderem am Max-Planck-Institut in Ulm, hat gezeigt, dass viele Veränderungen im Bereich der Faszien durch ge- zielte Manipulation, wie sie auch in der Osteopathie gelehrt wird, reversibel sind (16). In meiner Praxis haben gynäkolo- gische Untersuchungen vor und

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