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kontinenz aktuell - Ausgabe 03-2012

kontinenz aktuell Oktober/2012 13 Bietet sich Ganzkörper- vibration als zusätzliche physiotherapeutische Maßnahme an? Um zu erörtern, ob sich Ganzkör- pervibration ergänzend zu kon- ventionellen Maßnahmen lohnen könnte, sollen leistungsphysiologi- sche Hintergründe der GKV kurz erörtert werden. Die Vibration gibt einen afferenten Belastungsreiz auf den Muskel- Sehnen-Komplex, verursacht damit eine rhythmische Reizung der Mus- kelspindeln und löst eine Aktivie- rung und Rekrutierung motorischer Einheiten aus, den Vibrationsreflex (15, 16). Man erwartet, dass durch den Vibrationsreflex reflekto- risch Muskelkontraktionen ausge- löst werden. Aufgrund des An- stiegs des EMG-Signals in den vor- gestellten Studien (11, 13) kann geschlossen werden, dass die Vi- brationsbelastung auch in der BBM reflektorisch Kontraktionen auslöst und somit eine größere An- zahl motorischer Einheiten als in Ruhe rekrutiert werden. Dies ist be- sonders für die geschwächte BBM und die stochastische Vibration der Fall. Aufgrund dieser Aktivie- rung lassen sich Therapieeffekte hinsichtlich der maximalen Kon- traktionskraft, Schnell- und Reaktiv- kraft aber auch einer verbesserten Sensormotorik erwarten. Den Einsatz der GKV findet man schon seit längerer Zeit, so z. B. zur Steigerung der Muskelleistung bei Untrainierten in Prävention, Re- habilitation und Leistungssport (17). Gerade bei untrainierten oder älteren Frauen gibt es eine moderat evidente Steigerung der Muskelleistung in der unteren Ex- tremität (9). Besonders die maxi- male Kraft, aber auch die Schnell- kraft konnten gesteigert werden (8, 10). Laut den oben dargestell- ten Ergebnissen ist die Aktivität und Muskelfaserrekrutierung wäh- rend maximaler Willkürkontraktion unter gleichzeitiger stochastischer GKV gerade im insuffizienten Be- ckenboden nochmals erhöht. Ritzmann et al. (16) konnten durch EMG-Analysen zeigen, dass wäh- rend Vibration eine reflektorische Aktivierung vorliegt. Dies zeigt sich auch bei Spektralanalysen des EMGs während der stochasti- schen Vibration. Hier sieht man, dass die BBM reflektorisch mit der Frequenz der Vibration (plus deren Oberwellen) aktiviert wird (Abb. 5). Diese schnellen Kontraktionen (z. B. mit einer Vibrationsfrequenz von 6, 8 oder mehr Hz) könnten mit konventioneller Physiotherapie und willkürlichen Kontraktionen nicht generiert werden. Zum einen wären es eben willkürliche und nicht funktionsgerecht reflektori- sche Kontraktionen. Zum anderen kann der Beckenboden so schnell nacheinander nicht angespannt und wieder entspannt werden. Therapierelevant ist nun bekannt, dass der Druckanstieg während des Niesens im Abdominalraum innerhalb von etwa 150 Millise- kunden (18) oder der Kraftanstieg in der unteren Extremität beim Treppabsteigen innerhalb von et- wa 146 Millisekunden erfolgt (19) oder beim Joggen die BBM inner- halb von etwa 214 Millisekunden bis zum Maximum aktiviert wird (20). In Analogie dazu müsste der reflektorische Kraftanstieg der BBM vor 150 Millisekunden als Maßnahme zur Wahrung der Kon- tinenz gesehen werden. Dies ent- spräche einer Vibrationsfrequenz von mindestens 6–7 Hz. Denn ei- ne Belastungsinkontinenz tritt bei- spielsweise dann auf, wenn der Abdominaldruck den urethralen Druck übersteigt oder wird dann vermieden, wenn die Kontraktions- kraft schnell und kräftig genug er- folgt und wenn so der Druck in der proximalen Urethra höher als der Blasendruck ist (21). Weiterhin konnten Fontana et al. (22) zeigen, dass Kräftigungstrai- ning in Kombination mit GKV zu einer verbesserten Sensomotorik im lumbalen Rücken führten. Diese Verbesserungsmöglichkeit müsste allerdings für den Beckenboden noch untersucht werden. Titelthema Schlussfolgerungen Die vorgestellten Studienergebnis- se deuten darauf hin, dass sich GKV als mögliche Ergänzung zur konventionellen Therapie bei Be- lastungsinkontinenz anbietet. Aus bisheriger Sicht deutet sich eine stochastische GKV von mindestens 6 Hz als sinnvoll an. Zur Vibration kann unterstützend eine willkürli- che Kontraktion erfolgen. Die zu erwartenden Effekte liegen für die BBM in einer Steigerung der maxi- malen Kontraktionsstärke und des schnellen reaktiven Kraftanstiegs sowie einer Verbesserung der Sen- somotorik. Ob diese vermuteten Effekte betref- fend BBM wirklich eintreten und ei- nen therapeutisch wirkungsvollen und klinisch relevanten Beitrag zur Kontinenz liefern, ist in der Zukunft durch Langzeitstudien zu prüfen. Interessenskonflikt: Die Autoren erklären, dass kein In- teressenskonflikt besteht. Korrespondenzanschrift: Lorenz Radlinger Berner Fachhochschule Gesundheit Leiter Angewandte Forschung und Entwicklung Physiotherapie Murtenstrasse 10 CH – 3008 Bern E-Mail: lorenz.radlinger@bfh.ch

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