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kontinenz aktuell - Ausgabe 02-2012

Titelthema 5 D. Schütz1 • I. Füsgen2 1 Klinik für Innere Medizin und Geriatrie, St. Elisabeth-Krankenhaus, Velbert 2 Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Witten-Herdecke Gendermedizin: Das Erkennen von Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Mann und Frau Gendermedizin ist kein politisches Instrument, son- dern eine junge Wissenschaft, die in der Praxis als personalisierte Medizin eine Optimierung und Differenzierung der Versorgung von Männern und Frauen zum Ziel hat. Dazu fließen neben dem Geschlecht auch das Alter, das Körpergewicht und weitere individuelle biologische ebenso wie (ge- schlechtsbezogene) soziale Faktoren, die Lebens- umstände, der Lebensstil und die psychische Situa- tion in die diagnostischen und therapeutischen Maß- nahmen der Gendermedizin ein. Viele Probleme in Diagnostik und Therapie, deren Ursachen und Bewältigung, zeigen geschlechtsspezifische Beson- derheiten und Unterschiede. Dies trifft auch auf die Harninkontinenz zu. Insbesondere in Bezug auf die Harninkontinenz ist es unangemessen, dem männ- lichen Körper und seinen Funktionen als allgemeinen Maßstab zu verwenden und das spezifisch weibli- che als davon abweichende, oft dazu noch als Defizit oder bewertete „Besonderheit“ darzustellen, wie es 2007 in der Gesundheitsberichterstattung des Bundes erfolgte (6). Die unterschiedliche Anatomie und Physiologie be- dingt ein unterschiedliches Umgehen mit Harninkon- tinenzproblemen. Feuchte Ausscheidungen (inklusi- ve ungewollte, geringfügige Harnverluste) gehören unvermeidbar zum Leben gesunder Frauen. Die weibliche Scheidenschleimhaut sondert auch im gesunden Zustand Feuchtigkeit ab und mit der hygie- nischen Seite der Regelblutung können Frauen im Allgemeinen gut umgehen. Geringer Harnverlust unter starker physischer Belastung bei Frauen, wie sie z. B. bei einem großen Anteil gesunder Athletinnen und Pilotinnen auftreten, haben aus Sicht der betroffenen Frauen ebensowenig einen Krankheitswert (3). Nicht unerwartet ist bei Männern die Lebensqualität unter ihrer Inkontinenz in der Regel stärker betroffen als bei Frauen. Hier spielt sicherlich das Selbstbild von Männlichkeit mit, zu welchen gehört, dass Männer im Gegensatz zu Frauen keine Binden bzw. Vorlagen benutzen, wodurch das Symptom der Inkontinenz als stärker störend empfunden wird. Diese Hypothese wird von der Tatsache gestützt, dass betroffene Männer wesentlich seltener als Frauen Inkontinenzhilfsmittel, vor allem sehr viel weniger Vorlagen, benutzen (7). Harninkontinenz stellt oftmals ein multifaktorielles Geschehen dar. Dies betrifft insbesondere den älte- ren Patienten. Untersuchungen zeigen auf, dass unterschiedliche Faktoren, die einzeln oder in Kom- bination auftreten, die Entwicklung einer Harninkon- tinenz fördern können. Für eine Reihe geschlechtsun- abhängiger Risikofaktoren liegt inzwischen eine Evidenz vor. Dazu gehört aber auch, dass wir ty- pisch geschlechtsabhängige Risikofaktoren haben (2). Auch in der Symptomatik einer Harninkontinenz zeigt sich, dass bei gleichen Symptomen sich ursäch- lich unterschiedliche Häufungen von Inkontinenzur- sachen finden. So zeigte Alloussi und Mitarbeiter (1) an urodyna- mischen Untersuchungen bei älteren Diabetespa- tienten auf, dass sich hinter Symptomen einer hyper- aktiven Blase unterschiedliche neurogene Harn- blasenentleerungsstörungen verbergen können und sich hier auch geschlechtsspezifisch unterschiedliche Häufungen finden. Auch auf der Jahrestagung der European Association of Urology (EAU) in Paris war zu hören, dass die urodynamische Abklärung bei Frauen und Männern unterschiedlich gehandhabt werden sollte. Aktuelle evidenzbasierte Leitlinien beinhalten aber kaum geschlechtsspezifische Empfehlungen für den Bereich der Inkontinenz, sofern es nicht im Vorder- grund stehende Erkrankungen der einzelnen Fachdis- ziplinen betrifft. In diesem Sinne ist hier die Belas- tungsinkontinenz beim Frauenarzt und die Überlau- finkontinenz bei Prostatahypertrophie beim Urologen zu nennen. Aber die Dranginkontinenz, die größte Herausforderung beim älter werdenden Menschen beiderlei Geschlechts erfährt in den aktuellen evi- denzbasierten Leitlinien kaum geschlechtsspezifische Empfehlungen. Im Vordergrund der symptombezo- genen Therapie stehen konservative Maßnahmen (Verhaltenstherapie, Beckenbodengymnastik und Medikation). Hier stellt sich die Frage, inwieweit ge- schlechtsspezifische Faktoren eine Rolle spielen. Aus der Grundlagenforschung kennen wir geschlechts- kontinenz aktuell Juli/2012

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