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kontinenz aktuell - Ausgabe 02-2012

Analinkontinenz Man findet in der Literatur eine Prävalenz von 7 % bis 19 % für eine postpartale Stuhlinkontinenz (7). Risiko- faktoren hier sind u.a. der Geburtsmodus, das Ge- burtsgewicht, die mediane Episiotomie und evtl. auf- tretende Sphinkterverletzungen. Der Geburtsmodus scheint auch hier auf den unmittel- baren Verlauf nach Entbindung großen Einfluss zu haben, im weiteren Verlauf zeigen sich dann jedoch kaum Unterschiede. Bollard und Kollegen (8) zeigten 2003 in einer Untersuchung über 34-Jahre keine wesentlichen Unterschiede zwischen Spontanentbindung und vagi- nal-operativer Entbindung bezüglich einer Analinkon- tinenz. Bei 22 % Schließmuskel-Verletzungen in der Gruppe des Spontanpartus zeigte sich eine Stuhlin- kontinenz nach Geburt in 10 % gegenüber 14 % in der Gruppe der Zangen-Entbindungen (Schließ- muskel-Verletzungsrate hier 44 %!). Als wesentlicher Risikofaktur wurde hier das Lebensalter ermittelt. In einer Analyse von Abramov et al. 2005 (9) wurde bei Betrachtung von 271 Zwillingspaaren auch kein Einfluss des Entbindungsmodus auf das Entstehen einer analen Inkontinenz gefunden. 2006 zeigte Faltin (10) eine Rate von Stuhlinkon- tinenz nach Geburt von 9,0 % bei Schnittentbindung zu 9,4 % bei Spontanentbindung und schlussfolgerte, dass bei erstgebärenden Frauen 250 Kaiserschnitte notwendig wären, um eine postpartale Analinkon- tinenz durch Spontangeburt zu vermeiden. In der Gruppe der Mehrgebärenden fand sich eine Rate von Sectio 3,3 % zu 3,9 % Spontanentbindung; hier wären 167 Kaiserschnitte für eine zu vermeidende Analinkontinenz und 403 Kaiserschnitte für eine zu vermeidende Windinkontinenz notwendig. In einer aktuellen Cochrane-Literaturanalyse aus 2010 (11) zur Frage Kaiserschnittentbindung zur Vermei- dung einer Stuhlinkontinenz nach Geburt konnten ins- gesamt 21 Studien mit 31 698 Patientinnen ausge- wertet werden. Bei insgesamt 25 170 Vaginalent- bindungen und 6 028 Kaiserschnittentbindungen konnte nur eine Studie geringe Vorteile für die abdo- minale Schnittentbindung aufzeigen (Analinkontinenz 39 % Sectio vs. 48 % Spontanpartus). Je höher die statistische Qualität der Studieneingestuft werden konnte, umso weniger Unterschiede zeigten sich. Eine aktuelle Arbeit aus 2011 könnte die Sicht auf einen überwiegenden Zeitfaktor als Hauptpunkt der Funktionsstörungen verändern. Leijonhufvud et al. 2011 (12) untersuchten im sehr vollständigen Schwedischen Nationalen Register mit 99 % Erfassung aller landesweiten Geburten Erstge- burten zwischen 1973 bis 1983 mit einer mittleren Nachuntersuchungszeit von 26,9 Jahren. Die Lang- zeitanalyse der folgenden notwendigen Inkontinenz- oder Senkungsoperationen ergab in der Gruppe reine Vaginalgeburt (n=63.229) eine Inzidenzrate von 4,5 bzw. 8,1 pro 10 000 Frauenjahre, für die Gruppe reine Kaiserschnitte (n=33.167) eine Inzidenzrate von 1,7 und 0,7. In einer Hochrechnung würden 357 bzw. 135 Frauen keine Inkontinenz- oder Senkungs- operation benötigen, wenn sie statt Vaginalgeburt eine Kaiserschnittentbindung absolviert hätten. Diese Daten widersprechen auch der These, Becken- bodenschäden würden hauptsächlich durch die erste Entbindung entstehen, weitere Entbindungen würden keine wesentliche Veränderungen mehr erbringen. In der Gruppe der reinen Vaginalgeburten stieg mit Anzahl der Kinder auch die Rate an notwendigen Beckenbodenoperationen. Es findet sich ein zweifa- ches Risiko für Inkontinenz-Operationen und ein drei- faches Risiko für Prolaps-OPs zwischen dem 1. und 3. Kind. In der Gruppe der Kaiserschnitt-Entbindungen findet dieses steigende Risiko nicht. Insgesamt verdeutlichen die vorliegenden Daten das deutliche Risiko von Beckenbodenschädigungen mit Beeinflussung der Blasen- und Enddarmfunktion durch Schwangerschaft und Entbindung. Der Entbindungs- modus scheint gerade im kürzeren Follow-up eine deut- liche Rolle zu spielen, hier schneidet die Vaginalgeburt oder vaginal-operative Entbindung deutlich schlechter als eine abdominale Schnittentbindung ab. Im Lang- zeitverlauf können sich diese Unterschiede verwischen. Die Daten belegen aber auch die Tatsache, dass eine primäre Schnittentbindung diese Probleme auch nicht verhindern und damit keine Lösung des Problems dar- stellen kann. Protektive Maßnahmen in Schwangerschaft und unter Geburt Beratung und Risikoabschätzung Zur Vermeidung von gravierenden negativen Becken- bodenstörungen können zahlreiche Möglichkeiten genutzt werden. Zum einen sollte das individuelle Risiko für jede ein- zelne werdende Mutter ermittelt werden. Dies ergibt sich aus anamnestischen Fakten, konstitutionellen Faktoren und aktuellen geburtshilflichen Parametern. Titelthema 10 kontinenz aktuell Juli/2012

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