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kontinenz aktuell - Ausgabe 01-2012

kontinenz aktuell März/2012 27 Gesellschaft aktuell same Enttabuisierung des Krankheitsbildes trage dazu bei, sagte PD Dr . Moritz Braun vom Heilig Geist- Krankenhaus Köln. Der unfreiwillige Urinverlust vollzie- he die „Veränderung von einer Befindlichkeitsstörung hin zu einer Erkrankung“. Fachveranstaltung wie der interdisziplinäre Jahreskongress der Deutschen Konti- nenz Gesellschaft unterstützen diesen Prozess nachhal- tig, sagte der Urologe. Gerne habe er deshalb zusam- men mit seinem Kollegen Prof. Eypasch die Tagungs- präsidentschaft übernommen. Eine differenzierte Diagnostik und der weiter fortschrei- tende Erkenntnisgewinn hinsichtlich der anatomischen und funktionellen Gegebenheiten führen zur Entwicklung von ebenso differenzier ten Behandlungsmethoden, sagte Braun. So habe sich zum Beispiel die Beckenbo- dengymnastik von einfachen Rückbildungsübungen zu einer hochkomplexen Behandlungsmethode entwickelt. Die Einführung der Integraltherapie von Petros und die aktuellen Weiterentwicklungen durch Muctar haben zu einem neuen Verständnis der Funktion des Beckenbodens und damit zu einer Verbesserung der Behandlung der weiblichen Belastungsinkontinenz geführt und somit die Therapie auf diesem Gebiet revolutioniert, betonte Braun. Während die Harninkontinenz der Frau ein traditionell interdisziplinär besetztes Thema darstelle, sei die Harninkontinenz des Mannes im Wesentlichen in dem Fachgebiet der Urologie angesiedelt. Der alte Satz „Frauen werden inkontinent, Männer haben einen Harnverhalt“ könne aber aus heutiger Sicht nicht mehr aufrechterhalten werden. Denn: „Sehr viele Männer leiden – genauso wie Frauen – an einer Drangin - kontinenz“, sagte Braun. Die Erkenntnis, dass diese trotz zunehmender Obstruktion durch eine immer grö- ßer werdende Prostata medikamentös sehr gut behan- delt werden kann, eröffnet ebenfalls neue Therapie - optionen.“ Deutlich schwieriger gestalte sich die Behandlung von Männern mit einer Belastungsinkon- tinenz. Im Gegensatz zu Frauen läge hier zumeist ein echter Defekt des Schließmuskelapparates vor . Die Implantation eines künstlichen Schließmuskels sei lange Zeit die einzig sinnvolle Behandlungsmethode gewe- sen. Auch hier hätten eine spezifische Krankengym - nastik, neue Medi kamente und die Einführung von Bändern das Behandlungsspektrum deutlich erweitert. Botox – das „Viagra der Harnblase“? Dem als Schönheitsmittel bekannte Botulinumtoxin, auch Botox genannt, komme durch seine erst im September vergangenen Jahres in 14 europäischen Ländern zuge- lassene Präprat zur Behandlung einer neurogenen Harninkontinenz bei Erwachsenen eine besondere the- rapeutische Bedeutung zu. Dies machte Prof. Dr. Klaus- Peter Jünemann, 1. Vorsitzender der Deutschen Kon- tinenz Gesellschaft und Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Universitätsklinikum Schleswig- Holstein, deutlich. Profitieren würden vor allem Pa - tienten mit instabiler Blase, die eine medikamentöse Behandlung aufgrund der Nebenwirkungen schlecht vertragen. Botox, in die Blasenwand injizier t, gebe ihnen durch seine muskellähmende W irkung bereits nach 14 Tagen ihre Lebensqualität zurück. Derzeit sei Botulinumtoxin nur für neurogene Indi ka- tionen wie Querschnittslähmung und Multiple Sklerose zugelassen. Es ist jedoch abzusehen, dass die Zu - lassung auch für nicht-neurogene Indikationen ausge- sprochen wird, sagte Jünemann. Dies würde dann auch das Spektrum der therapeutischen Möglichkeiten für Patienten mit Harninkontinenzformen erweitern, die nicht durch eine neurogene Grunderkrankung ausge- löst wurde. Die überaktive Blase schränke hier die Lebensqualität der Betroffenen durch den quälenden, immer wieder auftretenden nicht unterdrückbaren Harndrang mit oder ohne unwillkürlichen Urinverlust am meisten ein. Die Ergebnisse unterschiedlicher Arbeitsgruppen bele- gen, so Jünemann, dass nach intravesikaler Botox - injektion in die Blasenwand von einer Erfolgsrate von über 80 Prozent bei völliger Nebenwirkungsfreiheit aus- zugehen ist. Sicherlich handele es sich bei dem Einbringen von Botox in die Harnblase um ein semi- invasives Verfahren. „Effektivität und nebenwirkungs- freies Spektrum sind derart überzeugend, dass dieser Nachteil von den Patienten problemlos hingenommen wird“, sagte Jünemann. Als besonderen V orteil sehe Jünemann den Lang - zeiteffekt der einmaligen Botoxapplikation, der bis über ein Jahr bei nicht-neurogener Indikationsstellung anhal- ten kann. Entscheidend sei eine exakte Diagnostik zur richtigen Patientenselektion. Sei dies einmal geschafft, könne Botulinumtoxin die entscheidende Lösung für Patienten mit einer Drangsymptomatik sein. Aufgrund der langen W irksamkeit und unproblematischen Handhabung stelle Botox sozusagen das „Viagra der Harnblase“ dar, da Patienten nach einmaliger Ap - plikation ihr Problem der überaktiven Blasenfunktion vergessen könnten. „Botox, dessen bin ich mir sicher, hat und wird auch weiter zu einem Paradigmenwechsel in der Behandlung unkontrollier ter Blasenfunktionen führen“, sagte Jünemann. Freuten sich über einen überaus erfolgreichen Kongress (v. l.): PD Dr. Moritz Braun, Prof. Dr. Klaus-Peter Jünemann und Prof. Dr. Ernst Eypasch