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kontinenz aktuell - Ausgabe 01-2012

kontinenz aktuell März/201210 Titelthema Epidemiologie Nach Sasaki und Chancellor ent- wickeln rund 45 % aller Patienten mit Diabetes mellitus unabhängig von ihrem Geschlecht im Laufe ihrer Erkrankung Har ntraktsymp- tome. Die Prävalenz beträgt in Abhängigkeit von der Diabetes- Dauer 25 % bei 10jährigem und 50 % bei 45jährigem Bestehen des Diabetes mellitus (26). Dabei dürfte die Dunkelziffer nicht unerheblich sein: Ueda et al. konn- ten bei 53 ihnen zugewiesenen vermeintlich asymptomatischen Pa- tienten mit Diabetes mellitus allein durch eine gezielte Anamnese bei 21 (40 %) Miktions beschwerden erfragen (27). Aktuelle epidemiologische Daten legten Lifford und Mitarbeiter aus der „Nurses Health Study“ 2005 vor (28). 1996 berichteten 17,6 % der 81 000 Krankenschwestern über eine Harninkontinenz. Solche mit Diabetes mellitus Typ 2 hatten ein mit 1,28 statistisch signifikant höheres relatives Risiko, an einer Harninkontinenz zu erkranken. Mit zusätzlichen vaskulären Kompli - kationen zeigte sich das Risiko mehr als verdoppelt (RR = 2,26). In der „W ittener Diabeteserhe- bung“ wurden erstmals systema- tisch Daten zu Harntraktbeschwer- den („lower urinar y tract symp- toms“ – „LUTS“) von insgesamt 4071 Patienten mit Diabetes melli- tus Typ 2 und einem mittleren Alter von 67,4 Jahren sowie einer mittle- ren Diabetes-Dauer von 8,8 Jahren in Deutschland dokumentiert (29). 67, 9 % der Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 gaben LUTS an. Am häufigsten lag eine Nykturie und eine Pollakisurie vor. Während die Inzidenz für diese Symptome bei Männern und Frauen ähnlich hoch war, waren deutlich mehr Frauen als Männer von Inkontinenz betrof- fen. Es gaben 23,5 % der diabeti- schen Männer eine Har ninkon- tinenz an; 21,6 % nutzten regel- mäßig Vorlagen. Lag mindestens eine Diabetes-Komplikation vor , war die Inzidenz von Har ntrakt- beschwerden um rund 30 % höher als ohne Diabetes-Komplikation; eine etwaige diabetes-unabhängi- ge Begleitmedikation hatte in der Wittener Diabetes-Erhebung keine deutlichen Auswirkungen auf die Häufigkeit von lower urinary tract symptoms. Die behandelnden Ärzte ordneten die er - fragten Symptome am häufigsten einer Überak- tiven Blase zu; eine Detrusor- schwäche oder -atonie spielte eher keine Rolle. Inkontinenz beim Diabetiker im Zusammenhang mit anderen Krankheiten Diabetiker sind nicht weniger von Multimorbidität betroffen als Ver- gleichsgruppen in Untersuchungen. Dies erscheint wichtig, da der Diabetes mellitus nicht isoliert gese- hen werden darf, sondern der typi- sche ältere Diabetiker häufig an weiteren altersabhängigen Erkran- kungen leidet, die Einflüsse auf den Harntrakt haben können bzw . deren Medikation den Har ntrakt beeinflussen können. Diese Erkran- kungen können eine Har ninkon- tinenz beim Diabetiker auf der Ebene des Har ntraktes oder des ZNS beeinflussen: Dazu gehören im Rahmen der allgemeinen Infekt- gefährdung des Diabetikers be - sonders auch chronische Har n- wegsinfekte, das benigne Prostata- syndrom, neurologische Erkrankun- gen wie Schlaganfall, Parkinson- Erkrankung oder Morbus Alz - heimer (30-32). Diagnostik Gerade bei den älteren multimor- biden Diabetes-Patienten gebührt der Diagnostik der Har ninkon- tinenz höchste Sorgfalt. Zu berük- ksichtigen ist dabei, dass die in der Anamnese geschilderte Sympto- matik nicht in allen Fällen zu einer eindeutigen Inkontinenzklassifizie- rung führt: So kann beispielsweise eine „Pollakisurie“ durch eine Rest- harnbildung verursacht werden, Ausdruck einer überaktiven Blase sein oder durch die Glukosurie mit nachfolgender Polyurie zustande kom- men. In der Basisdiagnostik beim Diabetiker sollte genauso wie beim Nichtdiabetiker die gezielte Anamnese und das Miktions prot- okoll um eine zielgerichtete klinische Untersuchung, die Blut - untersuchung, die Har nanalyse und die Resthar nbestimmung er- weitert werden. Zusätzlich sind die Erhebung der Multimorbidität ein- schließlich der Multimedikation, die Erfassung der Er nährung, sowie wichtige Diabetesfaktoren (BZ-Tagesprofil, HbA1, bestehende Komplikationen) und eine funktio- nelle Einschätzung (Geriatrisches Assessment) empfehlenswert. Diese angeführten Maßnahmen sind nicht-invasiv, lassen sich gut bei jedem betagten Patienten durchführen, werden in der Regel gut toleriert und führen bei einem Großteil der Patienten zur Be - schwerdeklassifzierung. Stehen die Symptome der hyperak- tiven Blase im Vordergrund, ist die Blasenentleerung restharnarm bis restharnfrei und besteht kein Hin- weis auf rezidivierende Harnwegs- infektionen ohne Hinweise auf komplizierende Faktoren in der Vorgeschichte (neurologische Er- krankung, Radiatio, Operation am unteren Harntrakt), so kann ohne weitere urodynamische Abklärung mit einer entsprechenden Therapie begonnen werden. Sind jedoch die Symptome der hyperaktiven